Mittsommernacht am Strand von Kalamaja

Während die Esten anders als die Finnen und Schweden, die Mittsommer stets am Samstag zwischen dem 20. Juni und dem 26. Juni eines Jahres feiern, feiert man in Estland Mittsommer genau am 24. Juni. Genauer gesagt feiert man den Tag Johannes des TäufersJaanipäev.

Soviel zur Tradition. Soweit war mir auch alles klar, als ich mit meiner Freundin auf unserem Roadtrip rund um die Ostsee am 24. Juni in Tallinn Station machte. Mir war auch durchaus bewusst, dass die Geschäfte zu haben werden, da Jaanipäev ein nationaler Feiertag ist und die meisten Esten sowieso auf dem Land sind. Aber, dass die Stadt derartig leergefegt sein würden und noch nicht einmal die Restaurants geöffnet haben, damit hatte ich irgendwie nicht gerechnet. Dabei hatte ich mir schon das ein oder andere Restaurant ausgeguckt, dass ich gerne getestet hätte. Überall Fehlanzeige!

Wir lassen uns weiter durch die leeren Straßen treiben. Tallinn im Sommer leer zu erleben ist in der Tat eher selten. Ich muss allerdings gestehen, dass wir auch nur in meinem Lieblingsviertel Kalamaja unterwegs waren. Die Altstadt meide ich im Sommer eher – zu viel Touristen für meinen Geschmack. Vielleicht hätte dort ein Restaurant aufgehabt, wer weiß? Ich werde es nun nicht mehr herausfinden!

Letztendlich landeten wir beim Nepalesen. Zwar als einzige Gäste, aber was soll es, es war gut und günstig. Danach noch einen kleinen Abstecher zum Alkoholipood, dann ging es bepackt mit diversen estnischen Bieren in Richtung Patarei. Das halb verfallene Gefängnis, ehemals ein Ort des Schreckens, hat sich inzwischen als Partylocation etabliert. Zugegeben es ist eine leicht morbide Umgeben, aber direkt am Strand gelegen mit Blick aufs Meer einfach der perfekte Platz, um einen Abend ausklingen zu lassen.

Auf dem Weg dorthin treffen wir doch noch auf ein recht hippes Pärchen und wir fragen sie, was man denn hier so an einem  Mittsommerabend macht? Sie träfen sich mit Freunden im Garten zum Grillen. Wir wundern uns. Es ist alles andere als eine laue Sommernacht – man könnte eher sagen durchwachsen bis regnerisch. Aber sie lachen nur und meinen, das sei doch jedes Jahr so und gehöre quasi zu Mittsommer!
Am Strand der Praterei kommen wir dann doch noch in den Genuss eines Johannisfeuers. Dazu Bier, Würstchen und estnische Balladen.

Als wir uns wieder auf den Heimweg machen und uns im Dunkeln, den Weg durch die diversen Baustellen entlang des Strandes von Kalamaja bahnen, stoßen wir immer wieder auf kleine Grüppchen. Die meisten sitzen um ein kleines Lagerfeuer herum. So kommt es, dass unser Abend mit einem Sprung über das Feuer endet. Das soll angeblich Glück und Wohlstand bringen. Na, das ließen wir uns nicht zweimal sagen!

Dies dürfte wohl der letzte Sommer am wilden Strand von Kalamaja gewesen sein. Inzwischen ist nicht nur das Ufer von Kalamaja zur schicken Uferpromenade ausgebaut worden, auch die Praterei wurde für Besucher geschlossen, um im großen Rahmen saniert zu werden. Ich bin also gespannt, ob ich mein Tallinn, wie ich es kenne und liebe noch wieder erkennen werde beim nächsten Besuch.

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