Logbuch: 2. Tag Nordische Filmtage in Lübeck

 Nordische Filmtage

In einer estnischen Kleinstadt kann es genauso eng und klemmig sein wie in der heimischen Provinz. Was die Einheimischen versuchen, um dieser Enge zu entrinnen, davon handelt „Mutter“.

Elsa, die Titel-gebende Protagonistin des Films, ist tatsächlich nicht mehr viel anderes als Mutter, verstanden als Synonym für jemanden, der sich um die Belange von anderen kümmert. Ihr erwachsener Sohn liegt seit einem Überfall im Koma, im Bett seines alten Kinderzimmers im Obergeschoss. Dort wird er von Elsa gepflegt, und wenn sie damit fertig ist, kümmert sie sich ums Essen für ihren Mann  oder um die Blumenzwiebeln im Garten. Arbeiten gehen kann sie nicht mehr, die Zeit fehlt. Und das Geld, um Sohn Lauris in einem Krankenhaus pflegen zu lassen.

Bei der Pflege des Sohnes hilft ihr niemand, nicht ihr Mann und auch nicht die zahlreichen Besucher, Freunde und Bekannte aus Lauris‘ früherem Leben. Fast täglich kommt jemand vorbei, um hoch zu Lauris zu gehen und sich mit Blick auf den reglos Daliegenden im Zimmer umzusehen. Denn Lauris hat Geld gespart und es offenbar abgehoben, kurz bevor er angeschossen wurde. Wo dieses Geld hin ist, dafür interessieren sich Lauris langjährige Freundin ebenso wie die örtliche Polizei und der Leiter der Schule, in der Lauris Lehrer war.

Die Gründe für dieses Interesse sind unterschiedlich, aber je weiter die Handlung voranschreitet, desto klarer wird, dass jeder eigennützige Motive hat – Mutter eingeschlossen.

Der Film, der seine Handlung in ruhigen Bildern und ausgeblichenen Farben erzählt, wurde in nur 16 Drehtagen von einem fast reinen Frauenteam gemacht. Während die Regisseurin Kadri Koussaar derzeit in Amerika ist, weil „Mother“ Kandidat für den Auslands-Oscar ist, begleitet Hauptdarstellerin Tiina Mälberg „Ema“ auf Festivals wie Kitzbühel und die NFL, wo der Film ebenfalls erfolgreich läuft.

Tiina Mälberg hat übrigens viel Ähnlichkeit mit Kati Outinen, die in den meisten Aki-Kaurismäki-Filmen mitspielt. Tatsächlich dachten wir, wir würden im Anschluss an „Mutter“ einen Kaurismäki-Film gucken. Wir haben uns zwar gewundert, warum keine von uns „Helsinki Napoli – all Night long“ kannte, aber umso besser, ganz frisches Material vom Altmeister, das uns bislang entgangen war. Tatsächlich ist „Helsinki Napoli“ von Akis großem Bruder Mika Kaurismäki und eine wüster Ritt durchs nächtliche Berlin der Vor-Wende-Zeit. Durchaus sehenswert, aber für mich in der Spätvorstellung (Beginn 22.45 Uhr) und mit Überlänge nicht einfach durchzuhalten.


Kategorien Bücher & Filme

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Studierte Kommunikationsdesignerin und Gründerin von MAHTAVA. Wohnt zur Zeit in München, wäre aber lieber öfters in ihrem roten Holzhaus oberhalb des Polarkreises. Liebt den Schnee, Hunde und Blaubeeren. Vorbild: Pippi Langstrumpf.

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