Ijahis idja – ein Musikfestival oberhalb des Polarkreises

Ijahis idja Festival

Ijahis idja – noch nie davon gehört? Ich zwar schon. War mir jedoch nicht ganz sicher, was man zu erwarten hat von einem Samen-Musikfestival in einem 500 Seelen Dorf weit oberhalb des Polarkreises? Aber nachdem mir eine Freundin versichert hatte, es sei gut, ging es für mich an einem Wochenende im August in Richtung Inari. Eigentlich bin ich die Einsamkeit in Lappland gewohnt, aber auf dem Weg von Kittilä nach Inari habe ich tatsächlich ein wenig das Gefühl an das Ende der Welt zu fahren. Die Hauptverkehrsstraße verwandelt sich auf einmal in eine Schotterstraße. Nur Wälder, Sümpfe und Rentiere ziehen an mir vorbei. Kaum ein anderes Auto lässt sich blicken. Und mit jedem gefahrenen Kilometer Richtung Norden sollte es deutlich herbstlicher werden.

Lappland Strasse

Da dieser Wochenendtrip mal wieder so eine Spontanentscheidung von mir war, gab es keine Chance noch ein freies Bett in Inari zu ergattern. Ich beziehe also Quartier am Lemmenjoki. Eine halbe Stunde entfernt, wunderschön gelegen, ein einfaches Zimmer auf einem Campingplatz. Er wird eigentlich von Wanderern und Anglern bevorzugt. So verwundert es nicht, dass ich etwas auffalle, als ich aufgestrapst, also das heißt – Kleid und Lippenstift, den Platz am Nachmittag für das Festival verlasse. Kurz überlege ich, ob es vielleicht doch etwas zu viel des Guten ist? Später sollte ich jedoch froh darüber sein.
Das Festival verspricht neben Rap, Jazz, Rock und Pop auch Lassowerfen-Wettbewerbe, Musikworkshops, Filmvorführungen und vieles mehr.
Inari ist das kulturelle Zentrum der in Finnland lebenden Samen. Aber mich interessiert nicht so sehr das Rahmenprogramm, ich bin wegen der Musik hier, genauer gesagt wegen Sofia Jannok.
Typisch deutsch bin ich zeitig vor Ort und stehe prompt hinter einem Teutonen-Pärchen in Partner-Outdoor-Outfit an der Kasse. Doch die falsche Veranstaltung? Overdressed?
Nein, weder noch! Auch wenn ich mich zunächst hauptsächlich unter Touristen und spielenden Kindern befinde. Auf der Bühne wird noch der Soundcheck durchgeführt. Bei der Bar ist noch nichts los – sehr verdächtig für Finnland! Aber wen verwundert es, schließlich heißt  Ijahis idja aus dem Samischen übersetzt „Nachtlose Nächte“ und nicht Five o`clock tea. Ich nutze die Zeit um mir die Verkaufsstände, die in Form von Tipis daher kommen, vorzunehmen. Erwerbe schon mal einige CDs. Ja, ich kaufe noch CDs! Auch wenn ich mich Dank Spotify schon mal vorab durch das Repertoire der Interpreten gehört habe. Bei den Schmuckständen drohe ich wiederholt schwach zu werden. Es gibt sowohl traditionelles als auch moderne Interpretationen samischer Handwerkskunst. Hinter den Ständen stehen meist junge hippe Leute. Wer hätte das gedacht, dass Punk- und Samistyle sich so gut vertragen? Aber mir war schon letztes Jahr auf dem Wintermarkt in Jokkmokk aufgefallen, dass gerade die neue Generation ihre samische Herkunft gekonnt und souverän zur Schau trägt.

Ijahis idja Inari

Doch so groß ist das Gelände nicht und ich bin schnell durch. Daher beschließe ich meine Zeit bis zum ersten Auftritt mit einem Leichtbier am Inarisee zu überbrücken. Verliere mich ein wenig in der Weite des für die Samen heiligen Sees und schaffe es dann gerade noch rechtzeitig zurück auf das Festivalgelände. Der Barbereich hat sich inzwischen gefüllt, vom Teutonen-Pärchen keine Spur mehr, Jungvolk strömt zur Bühne. Kein Wunder den Start macht Amoc, der erste Rapper der seine Texte auf Nordsamisch verfasste. Seine Musik ist massiv und der kleine Ort oberhalb des Polarkreises bebt.

Ijahis idja Festival

Um mich herum ist es nun voll, bunt, teilweise schrill und ein Hauch von Haarspray liegt in der Luft. Als dann Sofia Jannok die Bühne betritt wird es noch voller und die Smartphones schnellen in die Höhe. Sie ist das Aushängeschild der diesjährigen Veranstaltung. Die aus dem nordschwedischen Gällivare stammende Sängerin hat sich bereits über Skandinavien hinaus einen Namen gemacht. Nicht nur als Sängerin, sondern auch als Vertreterin indigener Völker, Rassismusgegnerin und Öko-Kriegerin. Wie der Titel ihres neuen Albums „Orda – This Is My Land“ vermuten lässt, will sie sich also nicht nur unter den Samen Gehör verschaffen. Nein, ihre Texte sind durchaus politisch.

Ijahis idja Sofia Jannok

Was folgt, ist eine Show voller Emotionen, magischer Klänge und experimenteller Töne. Gekonnt katapultiert sie die Joik-Tradition in die Jetztzeit. Da sie nicht nur auf Nordsamisch, Schwedisch und Englisch singt, sondern auch auf Englisch erklärt, warum und wieso sie ihre Lieder geschrieben hat, geht ihr Auftritt auch an mir nicht spurlos vorbei. Sie erzählt davon, dass sie beim Film „Avatar“ weinen musste, als sie feststellt, dass es eigentlich gar kein Science-FictionFilm ist, sondern er genau das erzählt was ihren Vorfahren ihrer Kultur, Sápmi wiederfahren ist. Ich merke wie das Mädchen neben mir schnieft. Als sie später die samische Flagge auf der Bühne schwingt, kommen „Sami-Power“-Rufe aus dem Publikum. Eins ist klar, das Publikum liebt sie! Und mir gibt sie viel zum Nachdenken mit auf meinen Weg.

Ijahis idja Sofia Jannok

Als ich mich später auf den Heimweg mache und mir dann noch ein Bierchen, dass ich mir wegen der strengen Promillegrenze in Finnland auf den Festival verkniffen hatte, am Ufer des Lemmenjoki gönne, fühle ich mich irgendwie ein wenig geerdeter. So ein Perspektivwechsel kann manchmal nicht schaden!

Infos:

Ijahis idja
Authentisches samisches Musikfestival. Von Joik bis Rap, Jazz, Rock und Pop ist alles vertreten. Das Festival findet jedes Jahr an einem Wochenende im August in Inari statt.
www.ijahisidja.fi

Siida
Wer mehr über die samische Kultur erfahren möchte, sollte diesem Museum unbedingt einen Besuch abstatten.
Sámi-Museum und Naturzentrum
Inarintie 46, 99870 Inari
Öffnungszeiten:
1.6.–19.9. täglich von 9–19 Uhr
20.9.–31.5. Di–So von 10–17 Uhr
www.siida.fi
Inari und Saariselkä Tourismusbüro 
www.inarisaariselka.fi

  1. Pingback: Tipps für den Sommerurlaub in Finnland

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.